
Geboren 1984, war ich vier Jahre alt, als die Mauer fiel, und knapp sechs Jahre als die Deutsche Demokratische Republik aufgelöst wurde. Viele Erinnerungen an meine Zeit im Sozialismus habe ich nicht mehr. Aber die einigen Wenigen, die geblieben sind, versuche ich hier niederzuschreiben:
Ich weiß noch, wo in Wismar die Russen-Kasernen standen. Da gab es einen Konsum mit kyrillischen Schriftzeichen vorne dran. Der lag direkt an der Hauptstraße. Wir sind ständig dran vorbeigefahren mit unserem kleinen weißen Trabi. Ein eigenes Theater hatten die fremden Besatzer auch. Für sie und ihre Familien gab es eigene Häuser mitten in unserem Wohngebiet.
Natürlich habe ich meine Eltern gefragt, was denn die Russen in Deutschland zu suchen hätten. Die Antwort, glaube ich, war: "Wir Deutschen müssen nach dem Krieg erst wieder lernen, friedlich zu leben. Die Russen passen darauf auf, dass wir uns ordentlich benehmen."
Das erschien mir logisch und gut. Ich fühlte mich sicherer mit den fremden Beschützern vor Krieg und Unrecht. Dass in Wirklichkeit trotzdem Unrecht herrschte, wusste ich nicht. Erst viel später erzählte mir mein Opa, dass er mal im Gefängnis der Stasi saß.
Eigentlich ging es uns ganz gut in der Deutschen Demokratischen Republik. An einen Mangel an Bananen kann ich mich nicht erinnern. Als meine Mutter 1986 mit dem dritten Kind schwanger wurde, durften wir sogar ein Haus bauen. Kein Doppelhaus wie alle anderen, sondern ein richtiges alleinstehendes Haus mit großem Garten und Meerblick.
Im Kindergarten wurden wir auch wohlbehütet. Ich durfte sogar in die Kindergartengruppe von meinem ein Jahr jüngeren Bruder wechseln, weil ich lieber mit ihm und seinen Freunden spielte. Nur dass wir zum Mittag immer alles aufessen mussten, war irgendwie unfair.
Dann irgendwann zogen die Russen ab. Unsere Ausbildung in Sachen Frieden war anscheinend beendet. Wir hatten alles gelernt. Dass in Wirklichkeit tausende Menschen auf der Straße und eine Menge Staatoberhäupter dafür verantwortlich waren, wusste ich damals nicht...
Mit Wehmut denke ich heute nicht zurück. Aber schade, dass ich so jung war und nur so wenig von diesem Staat mitbekommen habe, finde ich es doch. Heute nervt mich der Kapitalismus noch oft. Wenn ich Cola kaufen will, möchte mein Mann immer Coca Cola. Limonade gibt es nicht, sondern nur Fanta! Diese von Marke geprägte Welt ist mir doch noch fremd.
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